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Das teuerste Fischgulasch der Welt

Turbinen gefährden die Wiederansiedlung der Lachse im Rhein.

Rastatt, 19. November - Das historische Datum ist Anglern minutengenau bekannt: Am 10.Juni 2000, um 14.28 Uhr schwamm der erste Lachs in die Video-Kontrollkammer der neu erbauten Fischtreppe an der Staustufe Iffezheim im Rhein. Seitdem haben 144 weitere Lachse die Aufstiegshilfe bei Rastatt genutzt, um zu Laichgründen in den Nebenflüssen stromauf wandern zu können. Insgesamt wurden es 30 Fischarten registriert; außer den Lachsen waren es 562 Meerforellen, 205 Meerneunaugen, eine Finte und 5 Maifische, die alle erfasst, gewogen und gemessen wurden. Den Löwenanteil machten 30.000 Aale aus, gefolgt von rund 10.000 Barben, 3400 Brachsen, 3000 Nasen und 1500 Rapfen. Doch in die Freude über den Erfolg an der 15 Millionen Mark teuren Anlage mischt sich ein herber Wermutstropfen. Die Fische wandern auch wieder stromab. Und weil sie dabei der stärksten Strömung folgen und die direkt in die Turbinen der Wasserkraftwerke führt, werden sie dort verhackstückt - zum teuersten Fischgulasch der Welt.

"Ja, man hat die Turbinenproblematik bislang noch nicht so intensiv betrachtet und erst jetzt richtig im Blick", sagt die Biologin und Vize-Geschäftsführerin der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR), Anne Schulte-Wülwer-Leidig, ein. Diese "Problematik" hat es in sich: Nach einer Studie holländischer Wissenschaftler sterben in den Turbinen am Nierderhein "pro Wasserkraftanlage oft mehr als zehn Prozent" der zum Meer wanderenden Smolts (Junglachse). Bei Aalen, die vom Rhein ins Sargasso-Meer vor den USA wandern, um dort zu laichen, liegt die Sterblichkeit in den drei holländischen Rheinkraftwerken sogar bei bis zu 25 Prozent je Anlage. "Wasserkraftwerke beeinträchtigen die Entwicklung einer Fischpopulation beachtlich oder machen sie gar unmöglich", warnte der Holländer Weil Muyres denn auch auf einer Tagung der IKSR Ende Oktober in Karlsruhe vor den tödlichen Gefahren für die Wanderfische.


"Eine kurzfristige Lösung für das Problem gibt es derzeit nicht", sagt Schulte-Wülwer-Leidig. Langfristige Abhilfe wäre zumindest auf der baden-württembergischen Rheinseite möglich. Das Land will zur Umsetzung des nationalen CO2-Reduzierunsgprogramms den schnellen und massiven Ausbau der Wasserkraft im Rhein und setzt sich deshalb für die Förderung von Großwasserkraftanlagen ein. "Das macht Sinn, wenn diese Großanlagen dann zugleich auf fischfreundliche Turbinen umgerüstet und Kleinstanlagen in den Nebenflüssen des Rheins zurückgebaut werden," sagt Rainer Berg von der Fischereiforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg.

Seine Forderung ist verständlich: Während bis zum Jahr 2020 die insgesamt neun weiteren Sperren im Ober- und Hochrhein bis Basel mit Fischpässen ausgebaut werden sollen und der Strom damit zur "Autobahn" für Wanderfische wird, fehlen ihnen allerdings die "Ausfahrten" zu den Laichgründen in den Rhein-Nebenflüsse, weil die mit Hunderten von Kleinstwasserkraftanlagen verbaut sind. Für den Rück- oder Umbau dieser auch aus der Sicht des Bundesumweltamtes zumeist ökologisch fragwürdigen Anlagen fehlt es aber am politischen Willen, sagt Berg.


Doch wirklich fischfreundliche Turbinen sind bislang nicht auf dem Markt. An ihrer Entwicklung forscht nun der Wasserbauer Theodor Strobl an der Technischen Universität München. Die von ihm entworfenen Turbinen haben weniger Schaufeln, um das Risiko von Kollisionen zu senken. Und sie haben auch längere Schaufeln, damit zu starker Druckabfall und Turbulenzen vermieden werden, die bei Fischen zu schweren inneren Verletzungen führen können.

Die hässliche Seite der angeblich sauberen Wasserkraft haben inzwischen auch der Energiebetreiber E.on Wasserkraft GmbH und der Turbinenhersteller Voith Siemens Hydro Power Generation GmbH entdeckt. Die Unternehmen unterstützen neben dem Turbinenprojekt ein weiteres, das die Fischsterblichkeit am Wasserkraftwerk Main-Dettelbach untersucht. Die bisherigen Ergebnisse sind erschreckend: Für 28 % aller Aale endet der Weg durch die Turbinen tödlich , aber auch nahezu jede zweite Brachse (47%) und jedes dritte Rotauge (35%) verlieren ihr Leben. Die Mortalitätsrate der Zander liegt bei 21 %, die der Flussbarsche bei 22 % und die von Bachforellen bei 15%. Die Fische werden durchtrennt wie auf Bild eins und zwei zu sehen, oder sie sterben nach qualvollen Stunden an inneren Blutungen und Quetschungen wie die Forelle auf Bild drei, oder an dem Bruch der Wirbelsäule, wie der Fisch auf Bild vier.

Insgesamt wird der Main von 29 Wasserkraftanlagen unterbrochen. „Sie können sich ausrechnen, wie viele Wanderfische wie etwa der Aal da noch lebend im Rhein ankommen“, sagt der an der Untersuchung beteiligte Fischereibiologe Manfred Holzner von der TU München, der uns freundlicherweise die Aufnahmen der vom Kraftwerk Dettelbach verstümmelten Fische zur Verfügung stellte.

Die millionenteure Umrüstung der Wasserkraftwerke an Rhein, Main und anderen Flüssen auf fischfreundliche Turbinen und der Einbau von Leiteinrichtungen wäre allerdings finanzierbar - wenn Berlin die nun von der EU erlaubte Förderung von Großwasserkraftanlagen auf das deutsche "Erneuerbare-Energieen-Gesetz" überträgt und entsprechende EU-Fonds anzapft.

Von Jürgen Oeder


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